dahrendorf

Ralf Dahrendorf wurde am 1. Mai 1929 in Hamburg als Sohn des sozialdemokratischen Politikers Gustav Dahrendorf geboren. Er wuchs auf in der dunklen Zeit des Nationalsozialismus, in einer dem Hitler-Regime kritisch gegenüberstehenden Familie. Mit 15 lancierte Dahrendorf an seiner Schule eine Flugblattaktion gegen den Nationalsozialismus, für die er 1944 inhaftiert werden sollte. Aufgrund seiner Jugend weigerten sich die Wärter und Dahrendorf wurde in einem Lager festgehalten. Aufgrund seines Alters und dem nahen Ende des Krieges blieb ihm Schlimmeres erspart. Dieser krasse Freiheitsentzug einer ganzen Gesellschaft, seiner Familie und seiner selbst liess Dahrendorf zu einem der stärksten Verfechter des Liberalismus werden.Die Familie zog kurz darauf nach Hamburg, wo Dahrendorf sein Abitur nachholte und Philosophie und Klassische Philologie studierte.


Nachdem er die Stadt als Dr. Phil in Richtung London verliess, reichte er seine Dissertation an der London School of Economics (LSE) ein. Der Habilitation im Saarland folgten Lehraufträge in Hamburg, Tübingen und an der Universität Konstanz, die er mit begründete. Ralf Dahrendorf wurde zu einem weit bekannten und geschätzten Soziologen. Er widmete seine Studien der Suche nach den Kräften, die eine Gesellschaft vor schädlichem, totalitärem Einfluss schützen.


Politisch erreichte Dahrendorf als Liberaler alle ihm zugänglichen Ämter: Nach seinem Einzug in den Baden-Württembergischen Landtag wurde er ein Jahr später für die FDP in den Bundestag gewählt. Dort wurde er schnell parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt, bevor er 1970 als EG-Kommissar nach Brüssel entsandt wurde. Er war ein aussergewöhnlicher Politiker, was gut an seinem einzigartigen Gespräch mit Rudi Dutschke, dem Führer der RAF-Bewegung, auf einem Autodach zu erkennen ist.

Er wandte sich ab 1974 wieder der Wissenschaft zu, weil er sich nicht als geeigneten Bürokraten und kritiklosen Partei-Anhänger sah. Seine steile Karriere setzte er nicht zuletzt als Dekan der LSE und als Rektor des St. Anthony Colleges an der University of Oxford fort. Im Jahr 1991 wurde er  zum Prorektor der Elite-Universität ernannt.

In Grossbritanien wurde Dahrendorf zum Baron of Clare Market in the City of Westminster und zum lebenslangen Mitglied im House of Lords geadelt. Er setzte seine politische Karriere 1993 in England fort, selbstgewählt in der „Cross Benches“-Sektion im House of Lords, in der die Partei-Ungebundenen ihren Platz finden. 


Lord Dahrendorf erhielt unzählige Preise, unter anderem für sein Lebenswerk und seine wissenschaftliche Prosa. Er wusste darum, seine Zuhörer zu bewegen und zum Mitdenken aufzufordern. Gegen Ende zeigte er sich kritisch gegenüber dem Demokratie-Verlust von supranationalen Organisationen wie der EU und einer globalen wirtschaftlichen Elite, die sich mehr und mehr ihrer (nationalen) gesellschaftlichen Verantwortung entzog.

Lord Ralf Dahrendorf war eine faszinierende Persönlichkeit, die sich durch extreme Erfahrungen in Kindheit und Jugend sehr früh dem Liberalismus verschrieben hat, und diesen ein Leben lang von ganzem Herzen verteidigt hat. Er setzte sich in den drei Sphären Wissenschaft, Politik und Bürgertum ausserordentlich für die Freiheit ein, sah diese allerdings als seine bürgerliche Pflicht an und blieb stets bescheiden. Auch nach seinem Tod im Jahre 2009 möchten wir uns für ein Bestehen und die Verbreitung seiner Werte von ganzem Herzen einsetzen.